Jetzt auch hier: Eiskalte Zombieherzen ;)

Diese Kurzgeschichte ist auch auf der Asta-Seite der Bergischen Universität Wuppertal verlinkt. Der Link klappt allerdings nicht mehr. Da ich gerade in Zombielaune bin, soll die Geschichte auch hier einen Platz finden. 😉
Dann viel Spaß (oder auch nicht) bei der Lektüre der Eiskalten Zombieherzen.

Als ich das warme Haus verließ war die Kälte wie ein Schock. Tausend kleine Eisnadeln stachen mir ins Gesicht. Ich zog den Wollschal über die Nase und schauderte, dachte aber gleichzeitig an die Vorteile des frostigen Wetters. Unser Radius wurde wieder etwas größer. Ein Blick auf das Außenthermometer zeigte, dass die Temperatur bei –15 Grad lag. Es war früh am Morgen, es würde vielleicht noch ein wenig wärmer werden, aber nicht viel. In die verlassenen Außengebiete zu gehen und dort nützliche Dinge zu sammeln war also relativ sicher. Dinge, die uns fehlten, da der letzte richtig kalte Winter eine Ewigkeit zurücklag. Zumindest kam es uns so vor. Vieles fehlte uns, vor allen Dingen Nahrung.

Ich blickte auf unsere kleine Gruppe, die aussah, als ob sie eine Expedition zum Mount Everest plante. Wir trugen alle Schneeanzüge, Springerstiefel und jeder von uns war ausreichend bewaffnet. Die Gruppe sammelte sich vor den Gebäuden und ging durch die Siedlung, vorbei an den jetzt brachliegenden Feldern, die einst, in besseren Zeiten, Gärten gewesen waren. Jetzt baute man Kohl und Kartoffeln an.

Wir marschierten durch das meterhohe eiserne Tor das die Siedlung vom Rest der Stadt trennte. Die in den Wachdienst eingeteilten Männer und Frauen hatten die eingefrorenen Untoten vor dem Tor schon beseitigt. Nur ein unschöner Gestank gab noch Kunde von ihrer Anwesenheit. Der Weg führte jetzt abwärts. Höher gelegene Gegenden waren besser zu verteidigen als das Tal, und die Stadtgebiete und die neu erbauten hohen Mauern boten ausreichend Schutz gegen eventuelle Angreifer.

Wir liefen bergab Richtung B7. Mit einem etwas beklommenen Gefühl gingen wir über die einst stark befahrene Hauptstraße. Verlassene Autos standen kreuz und quer herum. Es bestand immer ein Risiko, wenn man sich, zumindest im Sommer, verunglückten Autos näherte. Es konnte immer jemand – oder eher gesagt, etwas – nach vorbeigehenden Menschen greifen. Wenn man dann in die Nähe ihrer Gebisse kam, war ein Entrinnen nicht mehr möglich. Aber auch der Kontakt zu offenen Wunden und ausgelaufenen Flüssigkeiten konnte zu einer Gefahr werden. Hinzu kam, dass sie durch ihr Stöhnen andere ihrer Art, die zwar langsam waren, aber durch ihre quantitative Menge eine große Gefahr darstellten, anlocken konnten.

Wir sahen ein paar von ihnen, allesamt eingefroren und völlig bewegungslos. Ihre gierigen Gesichter waren zu Fratzen verzogen, ihre Mäuler blutverschmiert. Sie sahen absolut leblos aus, würden sich aber, sobald es taute, aus ihrem eisigen Bett erheben und sich auf die Suche nach den Lebenden machen. Dazu ließen wir es nicht kommen. Der große Ben, der einst bei den Feldjägern gewesen war, trennte ihnen mit dem Shaolinspaten die Köpfe ab. Wir kippten ein wenig Benzin darauf und ließen sie brennen.

Die Gruppe teilte sich auf. Die eine Hälfte würde Rehe und Wildschweine in den Barmer Anlagen jagen, denn die Fleischrationen wurden allmählich knapp. Die andere Hälfte würde Verbandsmaterial, Medikamente, Konserven und Werkzeug in den Geschäften und Häusern suchen.

Aber ich hatte andere Pläne. Mich zog es in die Barmer Innenstadt.

„Willst du wirklich allein gehen?“, fragte mich Knut Hebertsson, unser schwedischer Holzfällerpraktikant.

Ich nickte. Ein voller Magen und eine halbwegs intakte Gesundheit war nicht alles, was wir brauchten. Nichts desto trotz war ein voller Magen so wichtig, dass wir eigentlich keine Frau oder keinen Mann bei der Jagd entbehren konnten. Was ich vorhatte, war meine persönliche Herzensangelegenheit. Unser Frühstück war sowieso schon karg ausgefallen, ein wenig Trockenfleisch, schrumpelige kleine Äpfel und ein wenig Kartoffeln. Kohl konnte wirklich niemand mehr sehen.

Ich joggte also weiter Richtung Alter Markt. Es war ja wegen des Wetters nicht viel zu erwarten.

Gegen die Raubtiere half die Präsenz eines riesigen Hundes sowie der Bogen, den ich bei mir trug. Früher war Bogenschießen ein dekadentes Hobby, heute ungemein praktisch. Ich vergewisserte mich, dass das Langschwert immer noch an meiner Seite hing, sagte meine Freunden Lebewohl und machte mich auf den Weg.

Ich wanderte weiter über einstige B7. Ich kam an zwei, früher oft frequentierten Fast-Food-Restaurants vorbei. Die Türen beider Lokale wurden von kleinen Haufen aufgetürmter, aufgedunsener Körper blockiert. Vielen von ihnen hingen noch große Fleischlappen aus den Mäulern.

Der Anblick widerte mich an, und Balzac gab einen überraschten Laut von sich. Sonst herrschte eine Stille, die man zu Recht als Grabesstille bezeichnen konnte. Ein paar Möwen flogen kreischend über das Gerippe der Schwebebahngleise. Auch sie hielten sich von den leblosen Körpern fern, wie auch Ratten, Füchse und anderes Getier. Ich schaute mich ein wenig um.

Ich sah die ehemalige Deutsche Bank. Was hier passiert war, konnte ich nicht genau nachvollziehen. Fakt war, dass mehrere Säcke mit 100€-Scheinen vor dem verlassenen Gebäude ausgekippt worden waren und einen pappigen Bodenbelag abgaben.

Ich überwand das kurze Gefühl des Verlangens, das noch aus einer anderen Zeit stammte. Diese Geldnoten waren Müll. Man konnte sie nicht essen, man konnte sich damit nicht wärmen, und niemand würde sie eintauschen wollen. Frustriert trat ich gegen eine Laterne, während ich sah, wie ein einzelner nicht erstarrter Zombie voller Sehnsucht nach warmem Fleisch gegen die Scheiben des Sicherheitsglases der Bank schlug. Ich zeigte ihm den Stinkefinger und setze meinen Weg fort. Es war jetzt neun Uhr morgens und ich wollte bald wieder zu den anderen stoßen.

Ich musste aufpassen, als ich dann wieder am Burger King vorbei Richtung Barmer Innenstadt lief. Der Boden war an einigen Stellen sehr rutschig, und ich hatte kein Verlangen, mit gebrochenen Knochen in Barmen herumzuliegen. Ein Plakat, das die Neueröffnung des renovierten Hauptbahnhofes ankündigte, stimmte mich melancholisch. Nachdem er mit allem Pomp eröffnet worden war, wurde er ein paar Wochen später von Zombies überrannt. Die Kreaturen, die jetzt dort herumlungerten, waren aggressiver und von noch geringerer Sozialkompetenz als die Menschen, die dort früher ihren Tag verbracht hatten.

Ich schüttelte meine düsteren Gedanken ab. Jetzt galt es, herrenlose Geschäfte zu plündern. Ich fühlte einen Adrenalinstoß bei dem Gedanken, in wärmere Gefilde vorzudringen und hatte ein Gefühl von Vorfreude: Einkaufen gepaart mit einem Hauch von Todesangst.

Mit feuchten Händen joggte ich, Balzac neben mir, Richtung Buchhandlung. Von außen konnte ich nichts erkennen.

Drinnen war nichts zu sehen. Ich betrat den Eingangsbereich, wo die üblichen Bestseller herumlagen. Dan Brown und andere Verkaufsschlager. Ich seufzte. Wir hatten im Dorf eine kleine Bücherei und dort waren diese Bücher, die sogar ich aus Langweile gelesen hatte, keine Mangelware. Weit vorne, ungefährlich zu greifen, lagen auch diverse Frauenromane. Auf den Covern waren immer Frauen abgebildet, die mit verschmitztem Gesicht Kaffee, Sekt, Kuchen oder Pralinen verzehrten. Manchmal waren auch Stöckelschuhe darauf abgebildet. „Dafür mussten Bäume sterben“, dachte ich erbost. Die wichtigen Bücher waren natürlich weiter hinten, im potentiellen Zombiegebiet. So eine Scheiße!

Mit steigender Herzfrequenz schlichen der gute Hund und ich zu den hinteren Bücherregalen. Hier drinnen war es über null Grad, also konnte hinter jedem Regal eine Überraschung auftauchen.

Es war nichts zu sehen. Ich kam bei den Schulbüchern und den Reclamheften an und öffnete leise die Schnallen an Balzacs Taschen, die er an den Seiten trug. Er schnaufte ungehalten, als er plötzlich mehr Gewicht tragen musste. „Alles für einen guten Zweck, mein Freund“, versuchte ich ihn zu beruhigen. Die Halbwüchsigen im Dorf sollten sich nicht nur durch ihre Kampfausbildung und Dan Brown bilden. Auf Zehenspitzen bewegte ich mich weiter Richtung Literatur. Die Klassiker der Weltgeschichte musste ich auch noch mitnehmen. Als ich vor dem Regal stand, fiel mir die Auswahl schwer. Zögernd packte ich Bram Stokers Dracula und Tolstois Anna Karenina in den Rucksack. Auf einmal ertönte ein raschelndes Geräusch. Panisch sah ich mich um und versuchte, die Geräuschquelle auszumachen. Zu meiner Erleichterung sah ich nur ein paar Iltisse weghuschen, die sich durch meine Literaturrecherche gestört gefühlt hatten.

Ich packte schnell noch ein paar wichtige Werke in den Rucksack und beschloss, schnell, nach ein paar kurzen Blicken, wieder das Weite zu suchen. Plötzlich hörte ich Balzac knurren und ein hungriges Stöhnen ertönte. Ich sah einen ehemaligen Buchhändler mit sehnsüchtig ausgebreiteten Armen auf mich zuschwanken. Erschrocken zog ich das Langschwert. Zu meinem Glück war der ohnehin schon langsame Untote nicht der Schnellste, da er sich schon in einem fortgeschrittenen Stadium der Verwesung befand. Ich trennte ihm den Kopf ab, der klatschend auf dem Prinzessin-Lillifee-Merchandising-Tisch landete. „Gna, Gna, Gna“, rief der Kopf, der immer noch menschliches Fleisch begehrte, empört. Dann ging ihm die Luft aus und er rief nur noch stumm. Ich wischte das Schwert an den Frauenromanen ab und verließ den Ort. Als ich zurück zu unserem Treffpunkt kam, hatten die Jäger schon Beute gemacht. Die Wildschweine hatten sich wirklich extrem ausgebreitet. Heute Abend würde es ein Festmahl und neue Fellschuhe geben. Hoffentlich blieb es noch so kalt.

Ein paar Monate später war das Wetter natürlich sommerlicher. Auch die Untoten, deren Zahl wir in den frostigen Wochen deutlich dezimiert hatten, bekamen Frühlingsgefühle und klopften an unsere Türen. Auf Regen folgt Sonnenschein, auf Schnee und Frost Zombies. So war das halt, aber der nächste Winter würde kommen.

Creative Commons Lizenzvertrag
Eiskalte Zombieherzen von Mirja Schmitt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.


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